In der Schweiz gilt das Gehalt traditionell als Privatsache – fast so gehütet wie das Bankgeheimnis. Wer im Büro offen über seinen Lohn spricht, wird schnell schräg angeschaut. Dabei ist es gesetzlich keineswegs verboten, sich innerhalb der Organisation über die Gehälter auszutauschen. Es ist nur kulturell nicht üblich, anders als beispielsweise in Grossbritannien oder den USA, wo Lohnangaben selbstverständlich zu Stelleninseraten gehören.
Doch das Blatt wendet sich. Der internationale Druck wächst, junge Talente erwarten mehr Offenheit und der Lohnrechner Salarium macht Gehaltsinformationen für alle zugänglich – ob Unternehmen wollen oder nicht.
Aber was bedeutet Lohntransparenz eigentlich genau, wie ist die Situation in der Schweiz und welche Entwicklungen könnten in Zukunft relevant sein?
Was heisst Lohntransparenz?
Lohntransparenz beschreibt, wie offen Organisationen Informationen über Gehälter kommunizieren. Dabei kann es verschiedene Formen der Transparenz geben, die sich stark voneinander unterscheiden.
In vielen Organisationen bleiben Löhne vollständig privat. Mitarbeitende kennen nur ihr eigenes Gehalt und haben keine Informationen über die Löhne ihrer Kolleg*innen. Andere Unternehmen wiederum entscheiden sich bewusst für mehr Offenheit.
Typische Formen der Lohntransparenz sind beispielsweise:
Gehaltsangaben oder Lohnbandbreiten in Stellenanzeigen
Interne Lohnsysteme, bei denen Mitarbeitende wissen, welche Lohnstufen existieren
Transparente Kriterien für Lohnerhöhungen und Beförderungen
Offenlegung von Durchschnittsgehältern innerhalb eines Teams oder einer Funktion
Vollständige Transparenz – bei der alle Gehälter öffentlich sind – ist allerdings selten. In der Praxis setzen die meisten Organisationen auf eine Mischung aus Transparenz und Vertraulichkeit.
Warum Lohntransparenz immer wichtiger wird
Die Diskussion über Lohntransparenz wird von verschiedenen Entwicklungen angetrieben. Dabei spielen sowohl gesellschaftliche als auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle.
Fairness und Lohngleichheit
Ein zentrales Argument für mehr Transparenz ist die Förderung von Fairness. Wenn Gehälter komplett intransparent sind, bleiben mögliche Ungleichheiten oft lange unentdeckt. Mehr Transparenz kann dazu beitragen:
Lohndiskriminierung schneller zu erkennen
strukturelle Unterschiede zu reduzieren
Vertrauen innerhalb einer Organisation zu stärken
Gerade im Zusammenhang mit der Gleichstellung aller Geschlechter wird Lohntransparenz deshalb häufig als wichtiges Instrument betrachtet.
Veränderung im Arbeitsmarkt
Auch der Arbeitsmarkt selbst verändert sich. Viele Bewerbende erwarten heute mehr Offenheit im Bewerbungsprozess. Gerade jüngere Generationen legen zunehmend Wert darauf, früh zu wissen, ob ein Job finanziell zu ihren Erwartungen passt. Wenn Unternehmen keine Lohnbandbreiten nennen, kann das Bewerbungsprozesse unnötig verlängern.
Effiziente Rekrutierung
Auch für Arbeitgeber*innen kann Lohntransparenz Vorteile haben. Wenn der Lohnrahmen bereits im Inserat oder im frühen Bewerbungsprozess bekannt ist, können sich Bewerbende besser einschätzen. Das führt oft zu passenderen Bewerbungen, weniger abgebrochenen Bewerbungsprozessen sowie effizienteren Vorstellungsgesprächen.
Risiken der Lohntransparenz
Trotz der möglichen Vorteile sehen viele Arbeitgeber*innen auch Risiken. Gerade Organisationen mit historisch gewachsenen Lohnstrukturen stehen vor Herausforderungen, wenn sie plötzlich mehr Transparenz schaffen möchten.
Interne Spannungen: Wenn Mitarbeitende feststellen, dass Kolleg*innen für ähnliche Aufgaben mehr verdienen, kann das zu Unzufriedenheit führen.
Weniger Verhandlungsspielraum: Einige Unternehmen befürchten, dass transparente Lohnbandbreiten den individuellen Verhandlungsspielraum einschränken.
Komplexität bei bestehenden Strukturen: In vielen Organisationen haben sich Löhne über Jahre unterschiedlich entwickelt. Eine vollständige Transparenz kann diese Unterschiede sichtbar machen und Anpassungen notwendig machen.
Aus diesem Grund entscheiden sich viele Unternehmen für einen schrittweisen Ansatz – beispielsweise durch transparente Lohnbänder statt vollständiger Offenlegung.
Wie ist die Situation in der Schweiz?
In der Schweiz gibt es derzeit keine gesetzliche Pflicht, Löhne in Stellenanzeigen offenzulegen. Viele Organisationen entscheiden daher selbst, ob sie Gehaltsangaben kommunizieren oder nicht.
Die Realität zeigt, dass Lohnangaben im Bewerbungsprozess oft erst spät thematisiert werden. Häufig wird der Lohn erst im Vorstellungsgespräch oder sogar erst nach mehreren Gesprächsrunden konkret besprochen.
Dennoch existieren bereits einige gesetzliche Grundlagen, die indirekt mit Lohntransparenz zusammenhängen. Der wichtigste Grundsatz ist die Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern. Dieser ist sowohl in der Bundesverfassung als auch im Gleichstellungsgesetz verankert. Unternehmen sind verpflichtet, gleichwertige Arbeit gleich zu entlohnen.
Seit 2020 gilt zudem eine weitere Regelung: Unternehmen mit 100 oder mehr Mitarbeitenden müssen regelmässig eine Lohngleichheitsanalyse durchführen. Dabei wird statistisch geprüft, ob systematische Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen. Die Analyse ist verpflichtend, muss extern überprüft und den Mitarbeitenden kommuniziert werden.
Die Regelung soll dazu beitragen, mögliche Diskriminierungen sichtbar zu machen. Kritiker*innen bemängeln allerdings, dass Organisationen nicht zwingend verpflichtet sind, erkannte Unterschiede zu korrigieren.
Der internationale Druck wächst
Während die Schweiz bislang keine umfassenden Vorschriften zur Lohntransparenz kennt, entwickelt sich die Situation international sehr dynamisch.
Besonders relevant ist die neue EU-Richtlinie zur Lohntransparenz, die 2023 beschlossen wurde. Die Mitgliedstaaten müssen diese Richtlinie bis 2026 umsetzen.
Zu den wichtigsten Elementen gehören:
Bewerbende müssen Informationen über das Gehalt oder eine Lohnbandbreite erhalten
Arbeitgeber*innen dürfen nicht mehr nach dem bisherigen Gehalt fragen
Unternehmen müssen geschlechtsspezifische Lohnunterschiede offenlegen
Ziel dieser Regelungen ist es, die sogenannte Gender Pay Gap stärker sichtbar zu machen und langfristig zu reduzieren.
Auch wenn die Schweiz nicht Teil der EU ist, kann diese Entwicklung indirekte Auswirkungen haben. Internationale Unternehmen übertragen neue Standards oft auf alle Standorte, und auch Arbeitnehmende gewöhnen sich zunehmend an mehr Transparenz.
Wird Lohntransparenz in der Schweiz Realität?
Eine gesetzliche Pflicht zur umfassenden Lohntransparenz ist in der Schweiz derzeit nicht absehbar. Dennoch zeigen internationale Entwicklungen und Veränderungen im Arbeitsmarkt, dass das Thema zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Es ist daher gut möglich, dass sich Lohntransparenz schrittweise entwickelt – nicht unbedingt durch strenge Gesetze, sondern durch Erwartungen von Bewerbenden und neue Standards im Recruiting.
Für Unternehmen stellt sich deshalb eine strategische Frage:
Wie transparent möchte man in Zukunft sein und welche Rolle spielt Offenheit bei der Positionierung als Arbeitgeber*in?



